Eine Weihnachtsgeschichte

Fortsetzung von Seite 1

Ankunft 21 von Eberhard Figlarek

Hier draußen gab es keine Straßenbeleuchtung mehr. Nur der sich langsam vorwärtsbewegende Lichtkegel des Autoscheinwerfers wies der Frau mit dem Kind und dem Mann im Auto den Weg.

Zwischen den beiden fiel kein Wort mehr. Sie hatten nicht mehr lange zu gehen, bis ihnen aus der Dunkelheit der Nacht ein in ein lichtes Waldstück eingebetteter Gebäudekomplex entgegenleuchtete.
BETHLEHEM - STIFT stand in weithin sichtbaren
Neon-Buchstaben auf der Fassade, darüber strahlte das große rote Kreuz. Sie waren am Ziel.

Einige Meter vor dem breiten Eingang, in dessen gläsernen Schiebetüren sich das Licht der Laternen brach, die den Vorplatz erhellten, war in der

Gebäudefront in Brusthöhe eine metallene Klappe eingearbeitet, mit einer bescheidenen Ampel darüber, die aber ausreichte, um die Schrift darauf auch in der Nacht gut lesen zu können: Babys willkommen.
Dort hatte der Mann sein Auto wieder angehalten, war ausgestiegen und zu der Frau gegangen, die sich zitternd und weinend an die Hauswand lehnte.

“Also”, sagte er und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung der Klappe.

Sepp ...”, schluchzte die Frau und machte zögernd einen Schritt auf ihn zu.

Der Mann fasste sie an den Schultern, drehte sie herum, und nun, da er hinter ihr stand, schob er sie unnachgiebig vor sich her, die wenigen Schritte bis hin zur Klappe. Er hob den Deckel an und sagte wieder nur: “Also ...” Diesmal klang es aber schon fast wie ein Befehl. Da legte die Frau ihr Kind unter Tränen in die Klappe, und obwohl der Mann sie sehr schnell schloss, hörte sie noch, wie ihr Baby hilflos und ängstlich zu schreien begann. Aber im gleichen Moment wurde ihr bewusst, daß sie ihm nicht mehr helfen konnte. Sie war nicht mehr seine Mutter. Sie hatte es soeben weggegeben. Der Mann, der noch sein Vater war, hatte es so gewollt.

Zitternd vor Kälte und Schmerz und hemmungslos weinend stand sie an der Mauer, keines Gedanken fähig und schon gar keiner Bewegung.

Mit derbem Griff fasste der Mann ihr Handgelenk. “Komm jetzt, “ sagte er, “und hör endlich auf zu heulen.” Und er zerrte sie vom Haus weg, zur Straße hin, wo sein Auto stand.

Auf dem Weg dorthin begegneten sie den drei Männern, die ihrem Weg gefolgt waren. Aber wiewohl der Mann den Schwarzen wiedererkannte, würdigte er die kleine Gruppe keines Blickes, die auch ihrerseits dem Paar keine Beachtung schenkte. Und während der Mann und die Frau in das Auto stiegen und in der Dunkelheit der Nacht verschwanden, gingen die drei auf den hell erleuchteten Eingang des Krankenhauses zu, und als dessen gläserne Türen wie von einer unsichtbaren Kraft zur Seite geschoben wurden, standen sie mit einem Mal vor der großen modernen Rezeptionstheke, hinter der eine Angestellte in freundlicher Korrektheit ihren Dienst versah.

Die wusste zunächst einmal nichts mit der ungewöhnlichen Besuchergruppe anzufangen, denn alle drei redeten gleichzeitig ungestüm auf die Frau ein, gestikulierten aufgeregt herum und zeigten immer wieder nach draußen, so, als ob sie die Frau hinter der Theke bewegen wollten, ihnen ins Freie zu folgen. Als diese aber endlich herausgefunden hatte, worum es den späten Gästen ging, wies sie sie freundlich aber bestimmt zurück, mit einer Bewegung, die wohl ausdrücken sollte, sie wisse schon Bescheid und die drei Männer könnten  unbesorgt wieder gehen. Die aber ließen sich nicht abweisen und redeten weiterhin erregt, wenn auch nunmehr eher bittend, auf die Angestellte ein.

Der Disput wurde erst beendet, als eine Krankenschwester aus einem Seitenflügel geeilt kam, mit einem Bündel wollener, blutbefleckter Tücher im Arm.

“Frau Engel, Frau Engel, “ rief sie der Frau hinter der Tafel atemlos zu.

Die erschrak: “Schwester Angela, was ist denn ...”

“Wir haben ein Findelkind”,
unterbrach sie die Schwester, “schnell, rufen sie Dr. Hirt herunter, es muss doch untersucht werden.”

Während die Frau nach dem Arzt telefonierte, waren die drei Männer herangetreten zu der Schwester, die das Kind im Arm hielt, dessentwegen sie hierher gekommen waren.

Von dem war nur das winzige, knittrige Gesichtchen unter den Wolldecken zu sehen. Offensichtlich hatte es sich all seine Angst aus dem Leibe geschrien, denn nun lag es still und sanft und friedlich in Schwester Angelas Armen und schien zu schlafen.

Der Dunkelhäutige kramte in den Taschen seiner Jobbe, bis er schließlich gefunden hatte, was er suchte: ein billiges, aus dünnen Messingblech gestanztes Kreuz. Das legte er dem Kind auf die Decke.

Auch die beiden anderen Männer hatten in ihren abgewetzten Jacken nach etwas Schenkbarem gesucht, und einer von ihnen hatte eine kleine, schon halb abgebrannte Kerze gefunden. Die legte er auch dem Kind auf die Decke.

Der dritte aber, der nicht fündig geworden war in seinen Jackentaschen, ging zu der Bodenvase, die, mit Tannen - und Mistelreisern bestückt, das Foyer des Krankenhauses schmückte, brach einen kleinen Mistelzweig ab und legte ihn ebenfalls dem Kind auf die Decke.

In der Stadt begannen die Kirchenglocken zu läuten. Durch die Kälte der Nacht klangen die hellen, klaren Töne weit über die Stadt hin, selbst bis hier heraus.

Es war Weihnachten.

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